Gemeinschaft der Heiligen in Zeiten der Pandemie

von Hannah Lux


Dieses Jahr war alles anders, aber damit sage ja ich niemandem etwas Neues. Schon die Fastenzeit kam mir teilweise vor wie ein wochenlanger Karsamstag – kein Sakrament, keine Liturgie, zumindest keine direkte Teilnahme. Zu Ostern haben dann sogar einige Veröffentlichungen behauptet “Ostern fällt aus”. Aber Ostern ist nicht ausgefallen.

Nach und nach gab es immer mehr Möglichkeiten, sich wenigstens mit Hilfe von (Internet-)Übertragungen mit dem Gebet und der Liturgie der Kirche zu verbinden. Ich habe das auch als eine schöne Möglichkeit empfunden, die Liturgie anderer Traditionen ohne große Hemmschwelle zu „besuchen“.

Zwar haben ein paar Liturgie­wissenschaftler die Hl. Messe ohne Anwesenheit der Gläubigen als „Geistermessen“ diffamiert, ein Diözesanbischof meinte sogar, von einer ungesunden „Eucharistiefixiertheit” sprechen zu müssen, aber viele Priester und Gemeindeleitungen haben ihre Gläubigen nicht im Stich gelassen.

Am Palmsonntag habe ich z.B. von zuhause aus die Liturgie der Armenischen Gemeinde hier in Köln verfolgt – mit Tablet und Liturgiebuch –, außerdem noch die Übertragung eines Gebets am Nachmittag. Weil ich davon ausgegangen bin, in diesem Jahr keine gesegneten Palmzweige zu bekommen, musste ein kleines Ästchen meines Olivenbaumes als Stellvertretung herhalten.

Am Karfreitag konnte ich morgens eine Beichtgelegenheit wahrnehmen und hatte dort auch die Möglichkeit, mit einem kurzen Ritus die hl. Kommunion zu empfangen – zum ersten Mal seit einigen Wochen. Am Nachmittag habe ich als Teil der Oekumenischen Choralschola Köln mitgewirkt an einer Karfreitagsliturgie, die ebenfalls online gestellt wurde.

In der Osternacht habe ich mich wieder aus der Ferne mit der Liturgie der Armenischen Gemeinde verbunden. Am Ostersonntag konnte ich in Maria Hilf die Osterkommunion empfangen und die Osterspeisen segnen lassen. Zu einer gesegneten österlichen Kerze bin ich dabei auch noch gekommen.

Letztlich konnte ich in der Kar- und Osterwoche sehr viel mehr „Handfestes“ empfangen und erleben, als ich es mir vorher gedacht hätte. Im letzten Jahr wären das alles noch Selbstverständlichkeiten gewesen.

Auch wenn mittlerweile wieder öffentliche Gottesdienste – mit Auflagen – möglich sind, gibt es glücklicherweise immer noch auch die Möglichkeit, der Liturgie per Streaming zu folgen. Selten habe ich so sinnfällig wie gerade jetzt wahrgenommen, dass das Lob Gottes nicht begrenzt ist durch Ort, Sprache, Kultur, Nationalität und auch nicht durch die derzeitigen Umstände.

Foto: Manfred Barnabas Loevenich

Als ich im Mai zu einer orthodoxen Diakonenweihe eingeladen war, habe ich an der dortigen Gestaltung der Platzmarkierungen besonders deutlich das Bewusstsein dafür sehen können, dass wir die Liturgie mit dem ganzen Himmel feiern. Da, wo wegen der Abstandsregeln Bankreihen gesperrt waren, nahmen Ikonen den Raum ein, wo sonst die Gläubigen sitzen.

Mein persönliches Fazit aus dieser Situation:

  1. Vielleicht macht gerade die jetzige Situation besonders deutlich, dass wir Liturgie nie nur mit den uns gerade umgebenden Menschen feiern, sondern immer in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche und der himmlischen Wirklichkeit – letzteres ganz ohne Abstandsregeln und Infektionsgefahr.
  2. Ich bin dankbar für alle Priester, die auch ohne die terminliche Verpflichtung fest geplanter Gottesdienste treu bleiben in der Feier der göttlichen Geheimnisse.
  3. Ich bin dankbar für die technischen Möglichkeiten, die wir mittlerweile haben – und für den Mut, damit zu experimentieren, um die Gläubigen nicht allein lassen zu müssen.
  4. Auch wenn einige Stimmen gestreamte Liturgien als Geistermessen diffamieren und lieber „kreative Rituale“ der Laien zuhause hätten – das persönliche Gebet ist essentiell, aber die Rückbindung an das Gebet und die Liturgie der Kirche sind es genauso. Ansonsten steht man evtl. nur auf einem Bein. Am sichersten steht man aber, wenn beide „Beine“ gut ausgeprägt sind. Auch in dieser besonderen Situation!
  5. Ich bin dankbar, dass so viele Möglichkeiten gefunden wurden, den Gläubigen schließlich doch noch Sakramente zu spenden und dass auch die Sakramentalien nicht zu kurz kamen. Wir sind eben doch nicht nur Geist, sondern auch Leib. – Für den Leib wurde im Übrigen auch dadurch Sorge getragen, dass überall große Umsicht geherrscht hat, damit es bei all dem nicht zu Ansteckungen kommt.

Vorwort zum Juli-Rundbrief

Liebe Gläubige, Freunde und Wohltäter,

der 6. Sonntag nach Pfingsten fällt dieses Jahr aus, denn am 1. Juli wird er vom Fest des „Kostbaren Blutes unseres Herrn Jesus Christus“ verdrängt. So wollen wir einen kurzen Blick auf den Satz des Herrn im Evangelium dieses Sonntags werfen, der uns allen so sehr wohl tut: „Mich erbarmt des Volkes“ (Mk. 8,2).

Niemand wie Jesus kann in die Tiefen menschlichen Elends schauen. Als er dies sagte, war er umgeben von Menschen, die gezeichnet waren von der Not des Lebens, von Armut und Schuld; sie schauten auf zu ihm, weil sie sahen, daß für sie sich kein Finger rührte. Ihn bewegte die Trauer und die Verzweiflung, die ihn aus den Augen dieser Menschen anblickte. Und so spricht er das Wort, welches aus seinem mitfühlenden Herzen wie ein tiefer Liebesatemzug hervor quillt: „Mich erbarmt des Volkes“.

Diesen Satz ruft der Herr in das Volk der Getauften hinein sooft das heilige Opfer gefeiert wird. Heute ist es in eine säkularisierte Welt hineingestellt, in eine Wüste des Glaubensabfalls, durch die die Stürme der Sünde rasen. Und wieviele stehen da allein in ihrer inneren Angst und Not, gepeinigt von einem Hunger, den keine Welt stillen kann. „Mich erbarmt des Volkes“ – das gilt immer und überall. Wir sollten als Getaufte nie vergessen. Der Herr ist seines Volkes Stärke und seines Volkes rettender Beschützer (Introitus). Er selber ruft uns zum täglichen Brotwunder an unsere Altäre, auf denen sich die Opferdarbringung vollzieht und bei der wir jedesmal zum Opfermahl geladen sind, damit wir, wie einst Elias in Kraft der gottgeschenkten Speise zum Berg Horeb, den Weg durch die Wüste dieses Lebens gehen können, ohne zu erliegen.

Der Mensch unserer Zeit ist aus dem Zentrum herausgefallen und hat sich in der Wüste der Zeit verloren, er fühlt seine Leere und innere Armut, trotz des Glanzes, der ihn häufig umgibt. Er muß sich wieder umwandeln lassen zu einem gottwärts gerichteten, in Gott gründenden Leben; er muß essen von der Speise, von der allein die Seele satt wird und nicht mehr hungert. Er muß wieder in seiner Not mit der Kirche beten lernen: „Auf dich, o Herr, vertraue ich, ich werde nicht entäuscht in alle Ewigkeit; du bist gerecht, darum befreie und rette mich! Er ist ja der, der sich jederzeit des Volkes erbarmt“ (Graduale).

Mit Segengruß, Ihr

Pater A. Fuisting


Datei – Rundbrief Juli 2018