Zum ersten Passionssonntag

von P. Marc Brüllingen


Mit der Passionszeit treten wir in einen neuen Abschnitt der Fastenzeit ein. Äußerlich wird dies durch das Verhüllen der Kreuze sowie der Heiligenfiguren und der Heiligenbilder sichtbar. Das „Gloria Patri“, der Lobpreis an die allerheiligste Dreifaltigkeit entfällt im Introitus und ebenso am Ende des Lavabo-Psalmes. Auch das Stufengebet am Anfang der hl. Messe ist verkürzt.

Auch an den Meßtexten läßt sich erkennen, daß der leidende Heiland immer mehr in den Vordergrund rückt, besonders im Evangelium, wo der Gegensatz zwischen Christus und dem auserwählten Volk Israel immer deutlicher hervortritt.

Im Evangelium des ersten Passionssonntags hören wir, daß Jesus den Kindern Abrahams die Freiheit bringt. Das Gespräch bewegt sich um folgende Gedanken: Die Juden betrachten sich als Söhne Abrahams aus Sarah und darum als Freie. Jesus zeigt ihnen, daß sie Sklaven sind und nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Er selbst dagegen ist mehr als ein Sohn Abrahams, er ist Sohn Gottes. Darum hat Abraham in die Zukunft blickend sich gefreut, seinen Tag zu schauen. Damit ist der Gegensatz scharf herausgearbeitet. Die Teufelsbrut, die an die Sünde versklavt ist, einerseits, und der Sohn Gottes, der die freimachende Wahrheit bringt, anderseits. Das Gespräch ist nicht logisch gebaut, sondern es ist das lebendige Hin und Her einer heftigen, zum Schluß geradezu leidenschaftlichen Diskussion. Immerhin ist insofern eine Entwicklung festzustellen, daß zuerst mehr vom Motiv der Freiheit im Gegensatz zur Sklaverei, dann vom Motiv der Kindschaft Abrahams im Gegensatz zur Teufelsbrut die Rede ist.

Jesus beginnt mit der Mitteilung „Die Wahrheit wird euch freimachen“. Die Juden betonen, daß sie nie Sklaven gewesen seien, sondern als Kinder Abrahams freie Menschen seien. Aber Jesu redet nicht von der sozialen und politischen Freiheit, sondern von der inneren, seelischen Freiheit. Sie sind Sklaven der Sünde. Freiwerden können sie nur, wenn der Sohn, der über das Haus verfügt, ihnen die Freiheit schenkt. „Wenn der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Der Mensch kann äußerlich die Freiheit lieben und doch innerlich versklavt sein. Er kann umgekehrt äußerlich in Knechtschaft leben und doch innerlich frei sein. Vor Gott zählt nur die innere Freiheit des Herzens. Diese zu bringen, ist Christus gekommen. Und gerade sie fehlt den jüdischen Führern.

Und nun dreht sich das Gespräch um die Kindschaft Abrahams. Die Juden berufen sich darauf, daß sie Söhne Abrahams seien. Christus erwidert ihnen, daß sie dann auch die Werke Abrahams tun, d. h. einen Abrahamsglauben besitzen müßten. Sie tun aber das Gegenteil. Nicht bloß sind sie ungläubig, sondern sie trachten Jesus geradezu nach dem Leben. Damit beweisen sie, daß sie Kinder desjenigen sind, der ein „Mörder von Anbeginn“ ist, Kinder des Teufels. Nicht Abraham ist ihr Vater, sondern der Teufel. „Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt nach den Gelüsten eures Vaters handeln. Er war ein Mörder von Anbeginn.“ Darum können sie auch nicht zum Glauben kommen, denn „er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Weil ich aber die Wahrheit rede, glaubt ihr mir nicht.“ Die Juden antworten, indem sie nun umgekehrt ihn als einen vom Teufel Besessenen betrachten und behandeln. Damit ist das Nein ihres Glaubens zu einem direkten Angriff, ja zu einer Lästerung geworden. Die Brut des Teufels lästert den Sohn Gottes. Anstatt ihn zu ehren, schmähen sie ihn.

Aber nun führt Jesus den Gedanken weiter. Während sie Kinder des Mörders von Anbeginn sind, ist er der Bringer ewigen Lebens. „Wenn jemand mein Wort befolgt, wird er in Ewigkeit den Tod nicht schauen.“ Ihre Schmähung kann ihm nichts anhaben, denn er wird vom Vater im Himmel geehrt. Weil er Sohn Gottes ist, ist er mehr als Abraham. „Abraham frohlockte, daß er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.“ Das Gespräch schließt mit dem ungeheuren Satz Christi: „Ehe Abraham ward, bin ich.“ Er ist also überzeitlich, denn er war schon vor Abraham, ja nicht nur, er war, sondern er ist, und zwar ständig; er ist schlechthin der Seiende. Die Juden verstehen durchaus, was er damit sagen will, daß er sich nämlich über die bloß menschliche Daseinsweise erhebt und sich ein göttliches Sein zuspricht. Darum heben sie Steine auf, um ihn zu steinigen. Damit ist das Gespräch zu Ende. Von der Auseinandersetzung um Wahrheit und Freiheit erhob es sich zur Frage nach der Kindschaft Abrahams, spitzte sich zu zur Kindschaft Gottes einerseits und zur Nachkommenschaft des Teufels anderseits und damit auf der einen Seite zum ewigen Leben, auf der andern zur Mordgier.

Die Führer der Juden sind Sklaven der Sünde, haben darum weder die Wahrheit noch die Freiheit. Sie sind nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Darum haben sie keinen Glauben, sondern folgen der Lüge, dem Haß und dem Willen zum Mord. Jesus dagegen ist Sohn Gottes, besitzt darum die Wahrheit und die Freiheit, ist höher als Abraham, gibt ewiges Leben, weil er selbst der ewig seiende und lebendige Sohn Gottes ist. So ist eine immer weiter schreitende Selbstoffenbarung Anlaß zu einer immer weiter greifenden Ablehnung, bis zum Versuch einer unmittelbaren und sofortigen Steinigung. Der Abschnitt schließt mit dem Satz: „Jesus verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus.“

So endet das Fest mit schrillem Mißklang. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Das Wasser sprudelt als lebendiger Quell aus dem Herzen des Herrn, aber die Menschen wollen nicht daraus schöpfen. Er will ihnen Leben bringen, aber sie wollen seinen Tod. Sie hätten ihn als die Erfüllung des Laubhüttenfestes mit Jubel begrüßen müssen, aber sie werfen Steine nach ihm. Er muß sich verbergen und den Tempel verlassen. Und doch ist die Selbstoffenbarung des Herrn nicht zu Ende.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes, Benziger Verlag Einsiedeln, 1958)

Vorwort des April-Rundbriefs

Liebe Gläubige, Freunde und Wohltäter,

wenn Sie diese Ausgabe des „KR“ vor sich haben, beginnt bald die wichtigste Zeit im Kirchenjahr: Zunächst die Heilige Woche, auch Karwoche genannt. Sie ist eine Zeit der Trauer und der Klage, eine Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens unseres Herrn. Sie ist aber auch jene Woche, in welcher der Triumpf des Siegers beginnt, wo die Christen sich zu ihm bekennen als ihrem Herrn und König. Wir alle gehen also hinein in die Nacht des Leidens, nicht um darin unterzugehen, sondern um mit ihm zu siegen und an seinem Triumpf Anteil zu erhalten. Wir begehen das glückselige Leiden unseres Herrn und blicken durch alles Dunkel der Woche hindurch zum aufleuchtenden Osterlicht. Die Feier der Heiligen Woche soll uns zum großen Erlebnis des Kirchenjahres werden, aus dem sich heraus unsere Seele das Jahr hindurch nähren kann und unser Leben als Christen gestalten soll.

Alles Leid findet seine Überwindung im Tag der Auferstehung unseres Herrn. Darin liegt der Grund aller Osterfreude und aller Osterhoffnung, denn im Auferstandenen gründet die Hoffnung unserer eigenen Auferstehung, unser Glaube, daß alle, die in den Gräbern sind, auferstehen werden. Alle, die auf Christus getauft und mit ihm begraben werden, werden mit ihm zu neuem Leben auferstehen. Daher nennen wir Ostern das Fest aller Feste. In der Freude des Herzens feiern wir acht Tage lang dieses Geheimnis, fünfzig Tage klingt das Alleluja in den Gebeten der Liturgie fort bis Pfingsten.

Der Sieg der Auferstehung, der Jubel über das neugewonnene, neue Leben, diese Mächtigkeit der Wirkung der Auferstehung für die ganze Welt wird in der Ostkirche mit folgenden schönen Worten besungen:

„Christus ist auferstanden, kein Toter ist mehr im Grab. Nun ist alles erfüllt vom Licht; Himmel und Erde und Unterwelt: So feiere dann die ganze Schöpfung Christi Auferstehung, worin sie gegründet ist.“

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihr

Pater Andreas Fuisting


Datei – Rundbrief April 2017


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Gedanken zur Schmerzhaften Mutter

von P. Marc Brüllingen


kreuz01Jetzt in der Fastenzeit und der sich daran anschließenden Passionszeit sollen wir nicht nur das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi betrachten, sondern auch der schmerzhaften Mutter gedenken.

Die zwei wohl bekanntesten Darstellungen der schmerzhaften Mutter sind: “Maria unter dem Kreuz” und “der Leichnam Jesu auf dem Schoße Marias” (Pietà).

Die katholische Kirche feiert zweimal im Jahr ein Fest zu Ehren der schmerzhaften Mutter, am Freitag nach dem ersten Passionssonntag und am 15. September. Letzteres wurde im Jahre 1814 von Papst Pius VII. eingeführt, anläßlich seiner glücklichen Rückkehr aus der Gefangenschaft Napoleons. Papst Pius VII.

Papst Pius VII. ist es auch gewesen, der die Litanei zur schmerzhaften Mutter verfaßt hat. Im Evangelium vom Fest der Sieben Schmerzen Marias heißt es: “In jener Zeit standen bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Kleophas und Maria Magdalena. Als Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebhatte, dastehn sah, sprach er zu seiner Mutter: Frau, siehe deinen Sohn! Hierauf sprach er zu dem Jünger: Siehe deine Mutter! Und von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.”

Das Wort des sterbenden Sohnes stellt die Mutter in den Schutz des Johannes und Johannes in den Segen Marias. Das Abschiedswort des sterbenden Herrn an Seine Mutter und an Seinen Freund hat eine Tiefe, welche die Christenheit erst allmählich im Laufe der Jahrhunderte erkannt hat und erkennt; denn auch heute ist das Geheimnis dieses Wortes noch nicht nach allen Seiten hin erschlossen, das Geheimnis der geistigen Mutterschaft Marias über die ganze Christenheit.

Das christliche Gemüt begann zu ahnen und verstand es dann immer deutlicher, daß Jesus am Kreuz Maria nicht nur Johannes, sondern uns allen zur Mutter bestellt hat, und daß nicht allein Johannes, sondern wir alle Söhne und Töchter Marias sind. Johannes ist nur unser Vertreter. Maria ist die Mutter der ganzen in Christus zusammengefaßten Menschheit.

Das Evangeliumswort, für sich allein genommen, läßt allerdings diesen weittragenden Schluß nicht zu. Dort ist nur von Johannes die Rede. Ihm, ihm allein, wird beim Kreuz die Auszeichnung und die Pflicht zur Sorge für Maria übergeben. Und auf ihn, auf ihn allein, auf keinen anderen Jünger, wird Maria wie auf einen Sohn verwiesen, dem sie ihrerseits Mutter sein soll, sein darf. Die Väter der Kirche bezogen darum diesen Text durchwegs nur auf das Mutter-Sohn-Verhältnis, das zwischen Maria und Johannes bestand, mit keinem Wort auf eine geistige Mutterschaft Marias über uns alle.

Erst bei Origines (+254) findet sich eine Stelle, welche jenes Wort des Herrn auch auf die Christusgläubigen, Christusliebenden ausweitet (Origines, in Joannem, vol. 6,14,32). Doch vergingen noch Jahrhunderte, bis im Abendland erstmals der Abt Rupert von Deutz anfangs des 12. Jahrhunderts, und dann ganz klar und unmittelbar Dionysius der Kartäuser im 15. Jahrhundert jenes Wort des Herrn mit einer allgemeinen geistigen Mutterschaft Marias in Verbindung brachten.

Wir wollen dem Heiland für sein Leiden und Sterben zutiefst dankbar sein, aber auch für die Tatsache, daß er uns seine heiligste Mutter uns zur Mutter gegeben hat. Aus diesem Grunde gebührt auch Maria unsere Dankbarkeit, da sie durch ihr Leiden, durch ihre Schmerzen, ja durch ihr Mitleid(en) wesentlichen Anteil an unserer Erlösung miterwirkt hat.

Bitten wir daher die schmerzhafte Mutter jederzeit um ihre Hilfe, um ihren Beistand, wenn uns Niedergeschlagenheit, Trauer oder sonstiges Leid heimsuchen. Sie kann uns helfen, sie will uns helfen, und sie wird uns auch helfen, wenn wir sie nur vertrauensvoll und inständig um Hilfe bitten.