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Interview von Jasper Juckel (Juni 2007)
mit P. Daniel Eichhorn

* Warum kann die Alte Messe eine Chance für die Attraktivität von Kirche und Gottesdienst sein?

Zunächst mal zur Bezeichnung: Es gibt nur eine Messe, die Messe Jesu Christi am Gründonnerstag im Rahmen des Letzten Abendmahls. Das Abendmahl war formal wohl eine vorgezogene Paschafeier war und während das Kreuzesopfer Jesu vom folgenden Tag, dem Karfreitag, sakramental vorwegnahm. Daher sagen wir besser nicht alte "Messe", sondern "Ritus". "Alt" kann man sagen, was dann im Gegensatz steht zum "neuen" römischen Ritus, den Paul VI. geschaffen, 1969 bzw. 1970 veröffentlicht und auch so genannt hat. Geeignete Bezeichnungen sind sodann "überlieferter" Ritus, weil das auf ebenfalls auf sein Alter und seine lange Tradition hinweist, durch die er uns eben so überliefert ist.

1) Was ist attraktiv? "Attraktiv" heißt vom Wortsinn her soviel wie "anziehend". "Attraktiv", "anziehend" ist letztlich das, was authentisch, was wahr ist, wo man Wahrheit, Authentizität spürt. Oder auf Menschen bezogen: Der ist attraktiv, der authentisch wirkt. Der überlieferte Ritus wirkt m.E. höchst attraktiv - zumindest auf den, der sich ein Gespür für Wahrheit, Echtheit, Authentizität bewahrt hat. Attraktiv sind letztlich und auf Dauer immer die Wahrheit und das Zeitlose. Die Wahrheit ist ewig, zeitlos, überzeitlich. Insofern steht der überlieferte Ritus für beide, für Wahrheit und Zeitlosigkeit, oder besser Überzeitlichkeit. -

2) Diese Wahrheit aber begegnet uns in der Geschichte. So ist der alte Ritus wie ein Strom, der der einzelnen Jahrhunderte der drei christlichen Jahrtausende durchströmt, sie prägt und von ihnen geprägt wird. Er sucht keine Moden, sucht nicht attraktiv zu sein, aber selbstverständlich ist er von den Zeiten geprägt worden. Was er will, ist Gott zu gefallen, ihn zu kultisch verehren, ihm zu dienen und gerade so, in der totalen Hinwendung zu Gott, ist er Dienst am Menschen. Der Mensch braucht den radikalen Hinweis, daß es mehr gibt als die Dinge, die er sieht. Daß es etwas gibt, das man nur glauben kann. Das ist im Übrigen exakt die Gottesdienst-Theologie unseres Papstes.

3) Der alte Ritus ist eine unübertroffene Schule des Glaubens, des Gebetes, der Anbetung und Ehrfurcht, des sensus ecclesiae, d.h. des Denkens, Fühlens und Handelns des Kirche, des gläubigen Menschen als Einzelnem und als Gemeinschaft. Deshalb ist er ein unabschätzbarer Dienst vor Gott, am Menschen und an der Kirche. Wer diesen Ritus "versteht", sich ihm öffnet, zu dem spricht er eine tiefe und geheimnisvolle Sprache, kurz: er prägt. Ja, er prägt im Geist der Kirche, im Geiste Gottes. Das spürt der Gläubige - wenn das nicht attraktiv ist?

* Wie gehen Sie mit dem Vorwurf des Rückschritts/Anachronismus um?

Wir machen das alles nicht aus Nostalgie, sondern aus viel tieferen Gründen. Dieser Ritus ist der "Glaube pur", die reine Anbetung, und ist, zusammen mit dem byzantinischen, sicherlich der schönste und vollkommenste Ritus der etwa 20 Riten der Kirche.

Eine Kirche, die auf manche Strecken dem Fortschrittsglauben verfallen ist, braucht den Anhalt von Wahrheit und Zeitlosigkeit, bzw. Geschichte und Überlieferung, die Konzentration auf Jesus Christus als das Eigentliche. Gegenwart und Zukunft gibt es nur auf der Grundlage der Vergangenheit. Das ist ein ganz einfacher, einsichtiger Sachverhalt und hat nichts mit Rückwärtsgewandtheit als solcher zu tun. - Auch bei den "VIPs", die sich für den Erhalt des Ritus eingesetzt haben, sehe ich echte Gründe: Künstler wie Louis de Funes, der Don Camillo-Mime Fernandel, Philosophen wie Robert Spaemann, Josef Pieper, Dietrich von Hildebrand, Künstler wie Agatha Christie, Evelyn Waugh, Nicolas Gomez Davila, Martin Mosebach und viele andere.

In der Kirche will ich Gott und den Heiligen begegnen und nicht aktuellen Problemen wie Feminismus, Feinstaub, saurer Regen, Atomkraft, Dieselfiltern und CO2-Ausstoß, so wichtig diese Dinge auch sind. Karneval und Messe passen nicht zusammen. Was heute fehlt ist der Geist der Unterscheidung, von sakral und profan. Die heilige Teresa von Avila sagte einmal: "Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn." Das heißt auf die Liturgie bezogen: "Wenn Messe, dann Messe, d.h. Gott, Feierlichkeit, Transzendenz - wenn aber Alltag, dann Alltag." Vermischungen beider Ebenen schaden beiden, besonders der Liturgie und ihrer Spiritualität. Den Alltag künstlich in die Messe einzu-bringen, heißt, der kirchlichen Liturgie nicht mehr zu vertrauen, ihr nicht zuzutrauen, daß sie die Kräfte in sich birgt, die "attraktiv" sind, daß sie Menschen anziehen, formen und nachhaltig an die Kirche "binden" kann.

Freilich bedarf es aber auch einer wirklichen Glaubensunterweisung und Hinführung an den Ritus. Wo dies der Fall ist, geht es nicht um anachronistischen Rückschritt, sondern kann im Gegenteil der Glaube je neu erblühen und damit Wege in die Gegenwart und Zukunft bahnen.

* Besteht bei zwei offiziellen Meßriten nicht die Gefahr der Verwirrung?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich ist nichts ohne Gefahren, doch die Möglichkeit von Gefahren darf hier nicht das notwendige Handeln lähmen. Wenn Menschen bereit sind, zuzuhören, ist es durchaus möglich, Verwirrung abzubauen, im Geiste christlicher Nächstenliebe die Dinge zu erklären, die eigenen Positio-nen offenzulegen und zu vermitteln. Warum sollte es eigentlich nicht möglich sein? An etlichen Orten, etwa bei uns in Düsseldorf kann man sich davon überzeugen.

Verwirrend ist es doch eher, wenn die Kirche einen Ritus faktisch abgeschafft und weithin als verboten hingestellt hat - um sich nicht stärker auszudrücken -, der vorher ihr "Ein und Alles war", ihr Heiligstes und zugleich das großartigste Kulturgut überhaupt. Kann Tradition einfach so verändert werden? Hat die Kirche dazu das Recht, und dient sie damit Christus und den Gläubigen? Hier geht es um eine echte theologische Anfrage. Dies hat der Papst schon als Kardinal ganz klar gesehen und mehrfach öffentlich gesagt.

Schließlich: Wenn endlich in der Kirche einmal echte Toleranz herrschen würde, dann würde jeder den recht gefeierten Ritus des Anderen respektieren. Dann kann jeder dem anderen in Ruhe seine Position darlegen und so Verwirrung vermeiden oder abbauen. Wenn der überlieferte Ritus wieder mehr gefeiert wird, werden wir sehen, wie es mit der Toleranz und der Nächstenliebe in der Kirche wirklich steht. Man kann immer leicht von den Tugenden reden, aber in der Praxis wird es schwieriger. Dann werden wir sehen, ob die, die immer von Toleranz reden, wirklich selber tolerant sind. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen.

Die Dominikaner und der Deutsche Orden hatten früher beide den dominikanischen Ritus, der sich etwas vom römischen unterschied, wenngleich der Geist, das Ethos, der "Phänotyp", die Sprache gleich waren. Wenn einmal in einer Pfarrei dominikanisch zelebriert wurde, haben die kleinen Unterschiede des Ritus keinen gestört, sondern waren Bereicherung. "Katholisch" heißt allumfassend, heißt Reichtum der Formen, Empfindungen, Wahrnehmungen. Vielfalt ist immer ein Merkmal der katholischen Kirche gewesen, und in vielem war die Kirche früher vielfältiger, bunter, denken Sie nur an die verschiedenen Soutanen der Kleriker in Rom, an denen man ihr Seminar erkannte. Die Zeit, als die Studenten des Germanikums wegen ihrer Soutanenfarbe "roten Krebse" hießen, ist passé. Die Vielfalt der Kirche steht nicht im Gegensatz zu ihrer Einheit, denn diese Einheit besteht auf ganz anderen Ebenen: Kirche ist geeint im einen apostolischen Glauben wie er von der Kirche geglaubt, bezeugt, gelehrt und tradiert wird, geeint durch die selben 7 Sakramente und die selbe Hierarchie, d.h. das bischöfliche Leitungsamt, mit dem obersten, dem römischen Bischof.

* Was für Leute kommen zur Alten Messe? Greise, Elitekatholiken, Sektierer?

Das ist regional sehr unterschiedlich: Aufs Ganze gesehen umfaßt der Alte Ritus alle Stände: Junge Familien, ältere Menschen, Fromme und weniger Fromme, Einfache und Akademiker, gelegentlich auch mal ein Nostalgiker, und, wie im neuen Ritus auch, durchaus auch Sonderlinge. "Elitekatholik", die sich für besonders fromm halten, mag es auch geben, die gibt es im Übrigen in allen gläubigen Milieus.

Diese Bandbreite an Publikum ist durchaus erstaunlich, denn man sollte eigentlich annehmen, daß der Ritus zu bestimmten modernen Menschen tatsächlich nicht paßt. Diese Bandbreite entspricht offenbar der Weite des Katholischen und des überlieferten Ritus.

An Sie persönlich:

* Warum traten Sie einer altrituellen Bruderschaft bei?

In meiner Jugend lernte ich den überlieferten Ritus kennen, und zugleich Priester, die ihn feierten, sowie entsprechende Seminaristen, also Priesteramtskandidaten. Von allen ging eine gewisse geistliche Faszination aus - hohe Bildung, Stil, eine Kultur des Seins und des Lebens in natürlich-irdischer wie übernatürlich-geistlicher Hinsicht. Ich spürte, daß ich hier eine gute Ausbildung bekomme, daß ich persönlich weiterkomme, wenn ich hier einsteige. Überdies hatte ich die Zusage, daß ich meinen Wunsch, die Theologie des heiligen Thomas von Aquin authentisch zu studieren, hier erfüllen konnte.

* Was fasziniert Sie an der tridentinischen Messe?

Eigentlich alles: Die Schönheit, die Ehrfurcht, die totale Hinwendung zu Gott, die Atmosphäre des Geistlichen, Ewigen, die Begegnung und Verbindung von Natur und Übernatur, das Wissen, daß ich hier und jetzt in einer ungeheuren Tradition von Glaubenden aller Jahrhunderte stehe. Sehen Sie: Die Opferungsgebete stammen aus dem frühen Mittelalter (etwa aus dem 10. Jhrt.), sie sind also halb so alt, wie die Kirche selber, Ambrosius von Mailand zitiert im 4. Jhrt. Textstellen, Formulierungen des eucharistischen Hochgebetes, die wir seit jenen Zeiten bis heute noch täglich beten. Das muß man sich einmal klar machen!

Die Stille, der Geist der Ehrfurcht und Anbetung, der Choral, die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Ritus das tut, was er glaubt: Er glaubt, daß Gott hier ist, das Kreuzesopfer Jesu. Er glaubt, daß "Phase" ist, d.h. "Vorübergang des Herrn", gleichsam Moses´ brennender Dornbusch und - er verhält sich danach: Er glaubt es nicht nur, er handelt auch danach. Das ist immer aktuell und braucht keine Rechtfertigung. Das ist etwas ganz Großes, das ist ein Lebenselixier, wenn es solch eine Religion gibt, die solches glaubt und entsprechend feiert, dann lohnt es sich doch noch zu leben und mit einzustimmen. Dann "lohnt" es sich auch, als Priester zu leben und manche Einschränkungen auf sich zu nehmen.

* Was werden sie tun, wenn das Motu proprio kommt?

Ein Glas Champagner trinken, mich mit meinen Mitbrüdern und Freunden freuen und weiterarbeiten. -

Spaß beiseite: Zugleich werde ich hoffen, daß Priester, die diesen Ritus gelegentlich zelebrieren möchten, sich an uns wenden werden, um ihn von der Pike auf zu lernen. Ohne richtige und umfassende Schulung wird das Ergebnis immer unbefriedigend bleiben. Es ist eben eine ganz eigene Gottesdienstkultur, eine ars celebrandi, die Studium, Gebet, demütige Gelehrigkeit verlangt, d.h. die Bereitschaft, sich wirklich in diese Welt einführen zu lassen. Das ist für viele Priester sicherlich keine ganz leichte Sache, da sie ihre eigene Prägung und Ausbildung haben und eher geneigt sind, den Ritus sich selbst anzupassen, als umgekehrt, sich dem Ritus, seinem Geist, seinen Formen, auch seiner Ästhetik anzugleichen.

* Wenn das Motu proprio tatsächlich kommt: Welche Empfindungen haben Sie dann a) für den regierenden Papst, b) für die schwierige Situation der Vergangenheit, c) für die Zukunft der Neuen Messe?

a) Papst: Ehrfurcht und echte Anerkennung vor seinem Mut, vor der Konsequenz seines Handelns. Phasenweise hätte ich es ihm ehrlich gesagt nicht ganz zugetraut.

b) Zur Vergangenheit: Das Motu proprio wird keineswegs alle Probleme lösen, ja es wird neue schaffen. So optimistisch sehe ich das alles gar nicht. Etliche Priester werden ohne genügende Vorbereitung versuchen, den alten Ritus zu zelebrieren. Es könnte zu eigenartigen Vermischungen der Riten kommen. Aber: Abusus non tollit usum, sagten die Römer zu Recht: der Mißbrauch einer Sache hindert nicht ihren rechten Gebrauch.

c) Ich bin leider kein Prophet - auch wenn ich den Namen eines der 4 großen Propheten trage... Möglicherweise wird der NOM langfristig sich seiner Wurzeln wieder mehr bewußt werden. Zunächst erwarte ich da eigentlich nicht sehr viel. Dies alles braucht Zeit. Die Ansichten und Erwartungen an Liturgie und Kirche sind heute eben sehr verschieden. -

Das Eigentliche liegt auf einer anderen, nämlich theologischen Ebene, die ich oben bereits andeutete: Es geht um das rechte Traditions- und Kirchenverständnis: Ist die Kirche "Herrin" des Glaubens und der Glaubenden oder ist sie "Dienerin"? Wenn Sie - im Sinne des Vaticanum II - Dienerin ist und Mutter der Gläubigen, so ist sie Dienerin der Überlieferung und kann Riten nicht einfach faktisch abschaffen. Das wäre ein ziemlich neuzeitlich-positivistisches Rechts- und Liturgieverständnis. Sie hat ein gewisses Recht, die Liturgie zu regeln und zu ordnen, aber dann gibt es von der Sache selbst her Grenzen. Als gute Mutter müßte sie dann auch für jene ihrer Kinder Verständnis aufbringen und reale Möglichkeiten schaffen, die gerne in den traditionellen Formen beten. Auf all dies in der Kirche hinzuweisen, dieses Bewußtsein in der Kirche offen zu halten, halten wir für einen Teil unserer Sendung.

* Kommt es zur Versöhnung mit der Piusbruderschaft?

Priester dieser Gemeinschaft repräsentieren teilweise eine sehr gute oder brauchbare Theologie und teilweise unfaßbare Verbortheit, Enge und Besserwisserei und einen Mangel an wahrhaft demütigem und kirchlichem Geist. Daher sehe ich in den nächsten Jahren keine großen Chancen. Wenn aber doch eine Einigung mit Rom käme, würden sicherlich etliche in der Priesterbruderschaft St. Pius diese nicht mittragen, eine Spaltung wäre die Folge.

* Wie sehen Sie unter den aktuellen Aspekten die Zukunft der Kirche?

In Europa und einigen Teilen der Welt sehr schwierig, aber aus dem Glauben heraus dennoch nie hoffnungslos. Wir können nur sähen, Gott muß seine Gnade, seinen Segen und damit das Wachstum geben. - Wo der alte Ritus gefeiert wird, wird der Glaube regelmäßig authentisch verkündet. Der alte Ritus ist eine Hilfe, je mehr er sachgemäß gefördert wird, um so besser sehe ich die Chancen der Kirche. Ich betone aber auch, daß der alte Ritus allein noch nicht das Allheilmittel ist. Es muß eben alles besser werden, kurz: wir müssen alle in allen Bereichen vollkommener und heiliger werden. Papst Benedikt weist uns einen guten Weg.

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